Zu den Zeichnungen von Astrid Köppe

Das Erste, was uns angesichts Astrid Köppes Zeichnungen widerfährt, ist eine eigenartige Irritation: Da begegnet uns Vertrautes, ein einfaches Ding, das wir schon oft gesehen haben, Fragment aus dem ungeheuren Vorrat an Bildern und Zeichen, der uns umgibt. Immer scheint das Dargestellte irgendwie mit unserer Alltagssphäre verbunden. Manchmal ist es ein Gebrauchsgegenstand, mit dem wir ständig umgehen, wie ein Teller oder ein Elektrostecker, manchmal etwas, das wir mögen, wie eine Orchidee oder ein Plüschtier, manchmal auch etwas, das uns bekannt erscheint, auch wenn wir uns nicht zu erinnern vermögen, wo wir es schon gesehen haben. Aber von allem Anfang an haben wir das Gefühl, dass mit diesem Vertrauten und Selbstverständlichen etwas nicht stimmt.

 

Irritierend ist allein schon, wie das Dargestellte inszeniert ist: Frontal und bildmittig aufgebaut verlangen diese „häuslichen“ Objekte eine Beachtung, die wir ihnen im Alltag nie gewähren würden. Und schlimmer noch: Sie drängen sich nur in den Vordergrund, um uns sogleich mit ihren chamäleonartigen Verwandlungskünsten zu beeindrucken: Aus der Schüssel mit Yoghurt und Kirschen wird ein Rouletteteller mit rollenden Kugeln; daraus ein weißer Schlund, der violette Kreise einsaugt; ein physikalisches Gerät wie eine Nebelkammer; das runde „Auge“ einer Waschmaschine, die ein getupftes Kleid herumwirbelt. Aber merkwürdig: Während uns solche Erinnerungen an konkrete Objekte kommen, verwerfen wir sie doch zugleich auch. Da ist keine Schüssel, kein Rouletteteller etc. – da ist vor allem ein fremdartiges Objekt, das unsere Phantasie bewegt.

 

Die Unsicherheit über die Dechiffrierung dieser eigenartigen Bilder lenkt unsere Aufmerksamkeit rasch von der Frage nach dem Was des Dargestellten auf das Wie. Wir wollen endlich verstehen und beginnen genauer hinzusehen. Überrascht und staunend bemerken wir, wie Gräser, Sommersprossen oder Haare durch nichts als ein paar schnelle, kurze Bleistiftstriche gemacht werden. Wie ein gleichmäßig kreisender Auftrag von weißer Pastellkreide über einigen violetten Farbtupfern unser Auge dazu bringt, rotierende Bewegung wahrzunehmen, wie ein kleiner Helligkeitsunterschied eine Fläche vor die andere schiebt, wie wir einen simplen Bleistiftstrich als Silhouette eines Körpers im Raum interpretieren usw. ...

 

Es hat etwas Befreiendes, diese Entdeckung, dass da irritierende Objekt, das uns da so fordernd entgegentritt, „nur“ aus Spuren von Graphit und Pastellkreide besteht. Aber so sehr auch der Produktionsprozess der Bilder bloß gelegt wird – es bleibt ein Geheimnis, wie aus der einfachen Form die Vielfalt der Bedeutungen entsteht. Das eigenartige Objekt zum Beispiel, das irgendwo an eine Mütze oder einen Hut mit dickem Fellrand erinnert, einen Hut für mongolische Winter – es enthüllt sich selbst als schlichtes Gebilde aus wenigen Farben und Formen, bewusste Setzung aus kompakten, präzisen Elementen in Relation zueinander und zum Bildträger. Und dennoch mutiert dieser „Pelzhut“ vor unseren Augen zum Energieplasma um einen fremden Planeten herum, dann zur Kakteenblüte und schließlich zur Raupe, die eine Frucht umkreist... Wenn immer wir es fassen, verwandelt es sich schon. Wir beobachten uns dabei, wie wir dieses Etwas sozusagen mit den Händen tasten (mit Handschuhen versteht sich), und auch dabei erleben wir diese ständigen Metamorphosen: Gefährlich stachlig zuerst, im nächsten Augenblick aber auch weich und plüschig-haarig, dann wieder immaterieller, kreisender Lichtstrom. Und alle diese Metamorphosen trotz der Konstanz des materiellen Gebildes aus Bleistiftstrichen und Pastellkreide vor uns auf dem Papier!

 

Die Verwandlungen in Astrid Köppes Zeichnungen implizieren immer eine Bewegung – wie jede Verwandlung. Manchmal meinen wir wirklich, Dinge in Bewegung zu sehen, wie etwas den Lauf der „Kugeln“ auf dem „Rouletteteller“ oder die suchende Bewegung der „Organe“ von Pflanzen und Tieren. Immer aber besteht die Bewegung, die Astrid Köppe induziert, in einer Bewegung des Staunens über die eigene Wahrnehmung. Man ertappt sich sozusagen dabei, wie man aus den wenigen farbigen Formen auf dem Papier eine Vorstellung aufbaut. Man bemerkt, wie eine kleine Schieflage auf der Zeichnung genügen kann, um die Vorstellung von Instabilität zu erzeugen, wie Vorstellungsbilder von „zerbrechlich“ oder „derb“, „glatt“ oder „rau“, „leicht“ oder „schwer“ entstehen..., wie vier rundliche Fortsätze an einer rundlichen Form uns ein Tier erfinden lassen (dem wir unwillkürlich Augen hinzudichten) und wie schon eine Verwischung die Vorstellung von Bewegung erzeugt. Da erscheint ein grünes Rasenstück (Dürers Hase natürlich mittendrin versteckt) – aber an den Rändern sieht man deutlich, wie die Farbe sozusagen in die Umgebung ausläuft, also Farbe auf einem Bildträger ist und nicht die Lokalfarbe der Grashalme. Ständig ist uns die Gleichzeitigkeit von Zeichnung und Vorgestelltem bewusst. Und damit beobachten wir uns bei jener Bewegung, die darin besteht, dass wir farbigen Strichen und Flächen auf dem Papier Bedeutungen zuordnen. Wir schauen uns sozusagen schmunzelnd dabei zu, wie Astrid Köppes Bildzeichen unsere Imagination in Gang setzen.

 

In unendlichen Variationen, immer wieder neu ansetzend, immer neue Mittel erprobend, führt uns die Künstlerin dieses Spiel der Imagination vor. Nie gibt es da lehrhafte Vorführung „quod erat demonstrandum“, vielmehr alle Varianten zwischen verschmitztem Augenzwinkern und vollem Lachen über das Geschehen auf dem Zeichenkarton. Alltag und Poesie, erdverhafteter Realismus und befreit sich lösende Transzendenz werden ineinander verwoben. Das Irreale und das Surrale erscheinen in scheinbar so Banalem wie Kirschenquark oder Bleistiftstrichen. Potenzialität inmitten des Alltags. Realität, amalgamiert mit Poesie. Hinter den scheinbaren Oberflächen der Dinge, eingewoben ins Vertraute, liegen die „weißen Flecken“ unserer Wahrnehmung. Voller Lust stürzt Astrid Köppe sich und uns ins Abenteuer der Entdeckung.

 

Prof. Horant Fassbinder 2001